Posi­ti­ons­grö­ßen­be­stim­mung aus psy­cho­lo­gi­scher Sicht

Team Tradingwissen Comments

Ab wel­chem nomi­na­len Betrag X befällt dich Unsi­cher­heit?

Wir haben in der 26 Regel ein ziem­lich ein­fa­ches aber effek­ti­ves Modell auf­ge­zeigt, wel­ches ver­hin­dert, sein Kon­to in kür­zes­ter Zeit gegen die Wand zu fah­ren. Die Regel besagt unter ande­rem, dass man nie mehr als 2% von dem zur Ver­fü­gung ste­hen­den Han­dels­ka­pi­tal pro Tra­de ris­kie­ren soll­te, um sei­ne Über­le­bens­wahr­schein­lich­keit deut­lich zu erhö­hen. Je nach­dem auf wel­cher Zeit­ebe­ne der Tra­der aktiv ist, soll­te grund­sätz­lich noch weni­ger ris­kiert wer­den. Aus mathe­ma­ti­scher Sicht bringt der Tra­der sich bei Befol­gung der Richt­li­ni­en schon mal ein gutes Stück in Rich­tung Kapi­tal­er­halt. Jedoch wird dabei ver­nach­läs­sigt, dass wir Men­schen emo­tio­na­le Wesen sind. In der Theo­rie klingt alles logisch, doch gibt es psy­cho­lo­gi­sche Fall­stri­cke:

Tra­der Pao­lo hat ein Depot von 100.000 Euro und steht kurz davor in den „schar­fen“ Han­del ein­zu­stei­gen. Er hat sich auf die­sen Moment über ein Jahr vor­be­rei­tet. Inner­halb die­ser Zeit­span­ne hat er sich einen kom­plet­ten Han­dels­an­satz erar­bei­tet. Schon schnell war ihm klar, dass das Risk- und Money­ma­nage­ment einer der ele­men­tars­ten Bau­stei­ne für den Tra­din­ger­folg dar­stellt. Dabei war ihm die 26 Regel – ent­wi­ckelt von Dr. Alex­an­der Elder – sehr sym­pa­thisch. Unbe­dingt möch­te er die­se in sei­nen Han­del inte­grie­ren. Über­setzt heißt das nun, dass er bei sei­nem ers­ten Tra­de 2%, also 2000 Euro ris­kie­ren darf. Pao­lo möch­te auf Wochen­ba­sis agie­ren. Das scho­ne die Ner­ven, denkt er sich.

Enthu­si­as­tisch eröff­net er nach einem vali­den Han­dels­si­gnal sei­nen ers­ten Tra­de. Trotz des super Signals, mag der Tra­de nicht so recht ins Lau­fen kom­men. Zunächst läuft er nur leicht ins Minus – 500 Euro Buch­ver­lust: Alles klar, dass gehört zum Spiel, denkt sich Pao­lo und bleibt gelas­sen. Doch der Tra­de mag sich ein­fach nicht ent­wi­ckeln und ver­harrt wei­ter im roten Bereich. Der Buch­ver­lust beträgt nun schon 1050 Euro. Lang­sam beginnt Pao­lo ner­vös zu wer­den: „Viel­leicht doch schon die Posi­ti­on schlie­ßen oder zumin­dest den Stopp etwas näher an den Markt set­zen? Hmm, das wäre gegen die Regeln, aber nur die­ses eine Mal!“ Pao­lo ist nun wie aus­ge­wech­selt, seit­dem das Minus vier­stel­lig gewor­den ist.

Eigent­lich ist nichts wei­ter pas­siert, außer, dass der nomi­na­le Buch­ver­lust nun auf eine vier­stel­li­ge, statt drei­stel­li­ge Sum­me ange­schwol­len ist. Sei­ne auf­ge­stell­ten Han­dels­re­geln erlau­ben weder eine Posi­ti­ons­schlie­ßung noch eine vor­ei­li­ge Stopp­ver­set­zung. Wür­de er jetzt ein­grei­fen, wür­de er sei­ne Regeln – die ihm zum Erfolg füh­ren sol­len – sofort wie­der über Bord wer­fen. Doch was macht Pao­lo so zu schaf­fen? Es ist der dro­hen­de Ver­lust von einem vier­stel­li­gen Betrag. Seit der Buch­ver­lust die 1000 Euro Gren­ze über­wun­den hat, ver­folgt Pao­lo stän­dig die Kur­se, obwohl das gar nicht nötig wäre, da er ja auf Wochen­ba­sis han­delt. Eigent­lich besagt sei­ne Regel: War­te auf den Wochen­schluss­kurs und ver­set­ze dann –  falls mög­lich – dei­nen Stopp.

Damit hat­te Pao­lo nicht gerech­net: Alles ist so gut geplant, doch jetzt befällt ihn plötz­lich so eine Unru­he.

Wir been­den hier unse­re klei­ne Geschich­te. Beginnt Pao­lo auf­grund der Unru­he, die der vier­stel­li­ge Buch­ver­lust bei ihm aus­löst, nun sei­ne Han­dels­re­geln zu bre­chen? Bei vie­len Tra­dern wird das defi­ni­tiv der Fall sein – gera­de am Beginn ihrer Han­dels­kar­rie­re: Sie begin­nen unsau­ber zu han­deln. Damit bleibt auch der gewünsch­te Erfolg auf der Stre­cke. Und zwar unab­hän­gig davon, dass der Buch­ver­lust aus Risk- und Money­ma­nage­ment Sicht eigent­lich kein Grund zur Beun­ru­hi­gung dar­stellt. Denn erin­nern wir uns an Pao­lo zurück: Er hat ein Kon­to von 100.000 Euro zur Ver­fü­gung und darf bei sei­nem ers­ten Tra­de maxi­mal 2% davon ver­lie­ren. Also war eigent­lich ein Ver­lust von 2000 Euro fest ein­kal­ku­liert. Jedoch muss er kon­sta­tie­ren: Über­steigt sein Buch­ver­lust einen vier­stel­li­gen Betrag, befällt ihn Unsi­cher­heit und Ner­vo­si­tät.

Dies ist aus zwei­er­lei Hin­sicht kon­tra­pro­duk­tiv: Zum einen ist er in so einem Zustand stark gefähr­det, sei­ne Regeln zu bre­chen. Auf der ande­ren Sei­te hat Pao­lo ja nicht den Bör­sen­han­del begon­nen, um von jetzt an in stän­di­ger Unaus­ge­gli­chen­heit zu leben. Bei jedem Tra­der mag die­ser nomi­na­le Betrag X unter­schied­lich hoch sein und kann sich im Lau­fe der Zeit auch ver­än­dern. Unser Tra­der Pao­lo soll­te aus psy­cho­lo­gi­schen Grün­den sei­ne Posi­ti­ons­grö­ße redu­zie­ren, obwohl es laut der Regel gar nicht not­wen­dig wäre. Der maxi­ma­le Ver­lust pro Posi­ti­on soll­te einen vier­stel­li­gen Betrag nicht über­stei­gen.

Auch wenn es aus mathe­ma­ti­scher Sicht, nicht unbe­dingt not­wen­dig erscheint, soll­te der Tra­der sei­ne Emo­tio­nen nie außer Acht las­sen. Merkt der Händ­ler, dass ab einem gewis­sen nomi­na­len Betrag X, sein Wohl­be­fin­den stark lei­det, soll­te dies unbe­dingt in sei­nem Risk – und Money­ma­nage­ment Beach­tung fin­den.